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#4 Selbstbewusstsein

Bin ich selbstbewusst und kann ich Selbstbewusstsein trainieren? Wie gehe ich mit Kritik um und was macht mir Mut? Welche Strategien habe ich, um mein Selbstbewusstsein zu stärken?

Ganz persönliche Erfahrungen von David und David.




 

DG: David Geitner

DN: David Naßler



DN: Schönen guten Tag, liebes Podcast-Land. Wir sitzen heute zusammen, der David ist heute bei mir. Wir haben gerade schon ein schönes Weißwurstfrühstück mit Weizen genossen.


DG: Wir wollen bloß noch kurz drauf anstoßen!


DN: Getreu unserem Bild vom Podcast haben wir auch ein Bier da, also müssen wir das heut mal umsetzen. Über was sprechen wir heute, David?


DG: Ja, wir sprechen heute über das Thema Selbstbewusstsein. Und wir sind darauf gekommen, weil ich muss ja sagen: Ich selbst bin ein treuer Fan seit drei Jahren von Germanys Next Top Model. Jetzt werden bestimmt manche abschalten, aber es ist tatsächlich so. Irgendwie gehört das für mich einfach dazu. Und ob Thomas Hayo oder dann Heidi selber oder wer auch immer als Gäste da sind, ständig wird von Confidence gesprochen: Be more confident, ja? ein bisschen mehr confident. Also mehr Selbstbewusstsein der, ich sage es jetzt mal: Meedchen, ja, gesprochen. Und nachdem uns eine Zuschrift erreicht hat und gesagt hat: Hey, passt auf, unterhaltet euch doch mal über das Thema Selbstbewusstsein, wie ist das bei euch so? Haben wir gesagt: Das ist heute mal unser Thema.


DN: Ja, finde ich ein cooles Thema. Und David hat es gerade schon genannt. Wir haben eine Zuschrift bekommen von einer Hörerin, von der Lucy, also Dank hier an dich, dass du uns da auch inspiriert hast. Und wir hoffen, dass wir deinen Nerv da treffen, dass wir deine Fragen beantworten und natürlich die der anderen.


DG: David, würdest du dich als selbstbewusst bezeichnen? Und, wenn ja, war das immer so?


DN: Also, im Grunde genommen würde ich sagen: Ja, ich bin selbstbewusst, aber das Ganze hat auch Höhen und Tiefen, also wie so Phasen im Leben, also man ist wohl mal selbstbewusster, mal weniger. Und ich finde auch, das ist oft eine aktive Entscheidung, also: Habe ich gerade Mut, irgendwas zu tun? Oder habe ich auch mal Angst davor? Passt es nicht in meine Komfortzone? Also da entscheidet sich auch dann, ob ich selbstbewusst bin.


DG: Woran machst du das fest, also das Thema auch: Stärken, Schwächen von dir?


DN: Also, ich habe schon echt viele Vorträge gehalten und das Ganze auch mehrfach vor einem großen Publikum. Das spannendste war eigentlich mal, da war ich-, also ich habe mal so eine Website erstellt, in der man Bewerbungs-, ja, Vorlagen runterladen konnte oder kaufen konnte. Und da wurde ich tatsächlich von der Uni Bayreuth eingeladen und durfte vor einem vollen Hörsaal referieren und da quasi erzählen, ja-.


DG: Das kann ich bestätigen, also dein Mediendesign oder dein Marketing ist überragend. Du machst sehr viel für die Evangelische Jugend, alles Mögliche, die Homepage, und sogar der Flyer, die sehen einfach sehr ansprechend aus. Das kann ich mir gut vorstellen.


DN: Ja. Ja, und da wusste ich einfach, was ich sage und war mir einfach bewusst, dass das, was ich da designe, gut ist, und dass ich da auch mit gutem Gewissen dann den Leuten erzählen kann, wie man sich gut bewirbt. Und Schwächen, also grundsätzlich würde ich jetzt mal behaupten, Konflikte machen mich eher nervös, und deswegen versuche ich die gerne zu vermeiden. Aber, ganz ehrlich: Ohne Konflikte geht es nicht. Man braucht Konflikte oder es gibt Konflikte und braucht eine Lösung dazu. Und deshalb, ja, muss ich mich da einfach auch immer wieder überwinden und einfach drauf zugehen. Und da spielt das Thema Mut wieder eine große Rolle, also Mut zu haben. Und sonst, Stärken, um mal ganz selbstbewusst zu klingen: Ich glaube, mir machen nicht viele was vor, wenn es um das kreative Finden von neuen Wegen geht, um eine Problemstellung zu lösen. Also solche Themen gehe ich zum Beispiel sehr selbstbewusst an.


DG: Zum Beispiel der Gartenumbau. Einfach machen, kreativ, und dann sagen: Wie läuft es?


DN: Genau.


DG: Selbstbewusstsein, oder anders formuliert: sich selbst bewusst sein. Das heißt ja irgendwo auch, sich zu akzeptieren, dass man eben nicht perfekt ist, sprich: eben, du hast es ja gesagt deine Schwächen auch zu kennen. Wie gehst du denn ganz persönlich mit Kritik um?


DN: Also, es kommt immer ganz darauf an, wie mir diese Kritik vorgetragen wird. Also wenn es persönlich wird und nicht konstruktiv, dann habe ich natürlich meine Schwierigkeiten damit und tue das Ganze eher irgendwie ab. Aber wenn es auf einer sachlichen Ebene bleibt und konstruktiv, dann nehme ich es natürlich gerne an.


DG: Also nicht: Du Arsch, sondern: Sie Arsch.


DN: Sie Arsch, genau.


DG: Ja, genau. Also ein bisschen Respekt muss dann schon noch sein. Jetzt bist du ja, das wissen ja viele auch, in einem Unternehmen als Personaler. Wie geht Ihr mit Kritik im Unternehmen um? Und auch: Wie führst du heikle Gespräche? Also ist dir da eher Angst vor und du sagst: Boah, puh, da muss ich mich gut vorbereiten, oder wie ist es für dich, wenn du so ein schwieriges Gespräch auch mit Mitarbeitern führen musst?


DN: Also ich gehe mal das schwierigere Thema für mich an, natürlich, das persönliche, wie ich diese ganzen Gespräche führe. Also, ich gehe da nicht super entspannt rein und sage: Das wird easy. Weil, ich glaube, dann ist auch nicht der nötige Respekt da und die nötige Ernsthaftigkeit. Was mir sehr, sehr hilft, ist: Ich schreibe mir wirklich vorher runter, was ich sagen will, also: Was ist das Problem? Dann: Wie ist die Lösung? Oder: Wie sehe ich das Ganze? Auch immer ganz wichtig zu sagen: Ich empfinde es so, oder: Ich sehe es so, und nicht: Du bist, du bist, du bist. Weil, damit, ja, schulde ich die Person eigentlich nur an.


DG: Bisschen gewaltfreie Kommunikation, also auch nie: Immer oder so, sondern ganz konkret: Ich habe wahrgenommen und so weiter.


DN: Genau. Genau: Ich habe wahrgenommen. Das ist ein guter Satz. Und, ja, dann muss man natürlich auch ein bisschen spontan sein, weil, man kann nie so ein Gespräch vorhersehen, also es wird sich immer anders entwickeln als man das selber plant. Und wenn dann eben Dinge kommen oder auftauchen im Gespräch, die man jetzt nicht ad hoc souverän beantworten kann, muss man auch wirklich sagen: Das ist ein guter Punkt, den würde ich jetzt mitnehmen. Und lass uns da einfach morgen oder übermorgen nochmal drüber sprechen. Vielleicht muss ich mich noch absprechen bei irgendwelchen Themen, aber keine falschen Versprechungen vorher machen, sondern wirklich sagen, wenn es über meine Kompetenz hinausgeht oder über das, wo ich mich jetzt wohlfühle: Das lieber verschieben. Genau, das ist, denke ich, für alle okay. Ja, und firmenweit, ich habe vorhin gesagt, wenn es konstruktiv und sachlich ist, dann wird es auch so angenommen. Und das ist in der Firma genauso, das heißt, wir stehen einfach für ein Füreinander, für ein Miteinander. Und gerade im Unternehmensalltag ist es extrem wichtig, konstruktiv zu sein, damit wir einfach als Firma wachsen können und Dinge besser machen und nicht sagen müssen: Ja, das haben wir schon immer so gemacht, und das machen wir auch immer so weiter.


DG: Nach welchen Kriterien stellt Ihr denn als Unternehmen Mitarbeiter ein, und welche Rolle spielt dabei Selbstbewusstsein? Ich kenne ja auch viele Jugendliche, die dann Bewerbungsgespräche machen, und sagen: Hey, wie kann man sich da gut drauf vorbereiten? Was ist Euch denn aus Einstellungssicht oder aus Personalersicht, was ist dir da wichtig, wenn wer kommt und sich vorstellt?


DN: Also wenn jemand kommt, ist natürlich erst mal der erste Eindruck wichtig, also wie kommt die Person rein? Hat sie irgendwie hängende Schultern und keinen Bock? Oder freut sie sich drauf? Also in erster Linie muss die Chemie stimmen, also im Gespräch. Es muss auch mal lustig sein, und wir versuchen wirklich am Anfang der Gespräche, auch ein paar Witze zu machen, um wirklich auch die Situation zu erleichtern, locker zu machen.


DG: Also muss man lachen, bei euch, wenn man reinkommt? Wenn der Chef einen Witz macht: Immer lachen!


DN: Immer lachen, egal was, egal, wie schlecht er ist. Ja, und ich meine, alles andere kann man irgendwie lernen, also, und managen. Also wenn jemand von der Tätigkeit her noch nicht so weit ist, noch nicht gut genug programmieren kann, noch nicht gut genug verkaufen kann, das kann man alles lernen. Aber wichtig ist, dass die Chemie stimmt. Und letztlich ist es auch so: Je nach Job ist natürlich auch ein anderes Maß an Auftritt nötig, also: Wie begegne ich dir im Vorstellungsgespräch? Und da muss einfach jeder sich bewusst sein, was sie oder er kann und das dann auch letztlich zeigen oder auch erklären können im Gespräch.


DG: Jetzt sich selbst bewusst sein, mit Schwächen umgehen können, das fällt ja nicht vom Himmel. Manche denken, das macht so einmal klick, und dann hat man das. Sondern ich denke, das ist schon auch Training. Glaubst du, man kann es trainieren? Und hast du vielleicht einen Tipp?



DN: Ja, also trainieren kann man es auf jeden Fall. Ich habe da ein ganz gutes Beispiel. Und zwar im Jugendausschuss halten wir auch immer Reden bei den Konfirmationen. Du hast ja dann auch immer die Leute ausgewählt, hast gesagt: Hey, kannst du oder du mal hier in der Christuskirche, Johanneskirche mal eine Rede halten? Und als du dann gesagt hast, ja, David, kannst du das bitte machen? Da dachte ich mir erst mal so: Okay ja, das ist schon cool, aber auch echt, ja, aufregend. Also da hatte ich schon Schiss davor irgendwo, weil letztlich sind es dann vielleicht 500 Leute in der Johanneskirche, und man hat ein paar Minuten Redezeit und halt junge und alte Leute vor sich, die man irgendwo da ansprechen muss. Und da musste ich mich wirklich jedes Mal überwinden.





DG: Das finde ich krass, weil ich tatsächlich dich ausgewählt hatte, weil ich dachte, du kannst es am besten und hast da eben keinen Schiss vor. Aber du hast es gut gemacht, von daher: Respekt. Das war mir gar nicht so bewusst, dass sozusagen du da auch-, dass das eine Herausforderung für dich war. Du hast das ja souverän immer-, also kannst dich auch trauen.


DN: Ja, und, also ich glaube, wenn es für jemand keine Herausforderung mehr ist, dann, ja, es ist schwierig, weil, wenn du dann das nicht mehr als Herausforderung siehst-.


DG: Also du brauchst eine gewisse Körperspannung auch, wenn du sozusagen bestimmte Dinge machst, absolut, ja.


DN: Und das heißt, weil du vorhin das Training angesprochen hast: Einfach zu solchen Dingen einfach ja sagen, dir keine großen Gedanken machen, was dann passieren könnte. Ja klar, es kann viel passieren, aber eigentlich passiert nichts, und einfach ja sagen-.


DG: Ja, wenn was passiert, ist es auch egal. Also das ist tatsächlich der Punkt, und dann lernst du da draus.


DN: Ja, du bist ja auch viel in Gottesdiensten, also hältst viele Gottesdienste. Wie ist es da bei dir?


DG: Also ich bin nach wie vor mega aufgeregt, dass ich, tatsächlich muss ich mich immer am Ambo manchmal festhalten, wenn viele auch bei Konfirmationen sind-, also der Ambo ist das Pult vorne, ja, wo man spricht. Und ich merke dann immer, dass meine Füße auch tatsächlich zittern. Ich will das gar nicht, und ich muss eigentlich ja keine Angst haben. Also ich habe das auch schon so oft gemacht, aber das ist diese körperliche Anspannung, die einfach da ist, die aber auch gut ist. Und dann ist dann oft so, dann hast du Onkel Hans schon, der ist schon aggro, der aus der Reihe vier hat schon gar keinen Bock und wartet auf Mittag, hockt mit verschränkten Armen quasi drinnen und schaut dich schon bitterböse an, und du hast jetzt noch eine Stunde Gottesdienst vor dir, Konfirmationsgottesdienst, oder anderthalb. Ich suche mir dann immer ein, zwei Leute oder drei aus, vielleicht nicht unbedingt Onkel Hans, wobei, der geht auch tatsächlich, und die gucke ab und zu an. Wie geht es denen? Spätestens wenn sie dann einschlafen, sollte man aufhören. Aber so ein bisschen schauen, wie geht es den Besuchern. Und manchmal blicken die dann auch zurück, oder du siehst eine Reaktion und hast dann ein Gespür dafür. Das ist so eine Variante, wie ich das mach: Sich zwei, drei Leute auszusuchen in der Gruppe und dann anzuschauen.


DN: Die besten sind echt die, die dann immer nur mitnicken, was du gerade, egal was du erzählst, die nicken immer, das ist super.


DG: Kennst du die Geschichte aus dem Seniorenheim? Muss ich hier jetzt kurz einbauen. Viele schlafen wegen der Medikamente oft ein. Am Ende gebe ich dann, vor Corona, die Hand. Sie ist aufgewacht und stolz und ernst gesagt: Herr Pfarrer, „Das war aber ein schöner Gottesdienst.“ .

Auch wichtig, bei dir bleiben, auch wenn du dich verstrickst: Entspannt bleiben. Einen Satz wieder neu anfangen. Und bloß nicht fluchen, weil, mitten im Segen einfach „f*ck“! zu sagen, ist halt einfach blöd, ja? Sondern dann einfach nochmal von vorne beginnen-. Ja, aber das ist so drinnen, ja, dass du sagst: „Sh*t“! Nein, so einfach nochmal von vorne anzufangen-. Ist mir alles schon passiert, jetzt nicht beim Singen, aber das-. Ruhig bleiben! Und auch nochmal dann einen Satz zurückgehen und wieder anfangen und sich es wirklich möglichst gut auch aufschreiben. Also das sind so die Dinge.


DN: Das ist faszinierend, weil man auch, wenn man jetzt dich sieht, wenn du die Predigt hältst oder auch- Ja, die sind total entspannt. Und ich glaube, das ist auch ein ganz wichtiger Punkt, zu wissen, egal wie aufgeregt man ist: Es sieht niemand.


DG: Genau. Und niemand weiß auch, was du dir vorher überlegt hast. Also du hast ja deinen Plan. Wenn du was änderst, was weglässt, das weiß ja keiner. Und ich denke auch den Perfektionismus abzustellen. Ich bin ja sehr perfektionistisch. Und ich denke, einfach sagen: Okay, hey, ich mache das so jetzt, wie ich es mache. Und dann, passiert ein Fehler, dann ist es so. Es passiert eigentlich in jedem Gottesdienst, in jedem Referat, in jedem Vortrag mindestens ein Fehler, wo du dich versprichst, verhaspelst. Letztens habe ich den falschen Namen vom Pfarrer. Es war der falsche Thomas. Das sind so Geschichten, die passieren einfach. Und das ist so.


DN: Das verzeiht auch jeder.


DG: Genau, das ist der Punkt. Aber sich trotzdem zu trauen, es trotzdem wieder zu tun, das ist so der Gedanke, ja. Jetzt haben wir gesagt, man muss noch trainieren. In der Ökonomie geht es ja häufig um das Selbstoptimierungsthema: Coachings, Supervision, Life-Coaches. Wie stehst denn du zu dem Ansatz? Ist ja gerade voll Trend. Und wie waren deine Erfahrungen mit Coachings so?


DN: Also ich bin da ziemlich zwiegespalten. Auf der einen Seite so dieses Life-Coaches und finanzielle Unabhängigkeit. Finde ich einen ziemlichen Schmarrn, also da lese ich ganz, ganz viel in Facebook. Das habe ich im letzten Podcast auch schon mal angesprochen, von Leuten, die, keine Ahnung, noch nicht mal dreißig sind, aber meinen, sie haben den heiligen Gral gefunden, ja? Also da muss man schon aufpassen, dass man irgendwo die Spreu vom Weizen trennt. Und dann gibt es ja diese ganzen professionellen Coachings. Und da habe ich schon sehr, sehr viele auch selber mitgemacht, im Bereich Führung oder Vertrieb. Und das hat mich ja dann persönlich extrem weitergebracht, also da so die Reflektion zu haben, wirklich Gespräche zu üben, Konfliktgespräche zu üben, Vertriebsgespräche zu üben. Das ist schon sehr, sehr cool. Und wir hatten ja auch das Thema Werte im Podcast. Und wenn ich meine Werte herausgefunden habe und kenne und auch dann danach lebe, dann ist es ja auch ein Stück Selbstoptimierung.


DG: Absolut. Also das sind quasi die Werte, nach denen du dann auch dein Handeln ausrichtest, und damit fokussierst du dich und richtest dich aus, absolut. Ich finde es sehr positiv tatsächlich, mit diesen Life-Coaches oder mit diesem Coaching zum einen eben seine Stärken zu entdecken, die weiter auszubauen. Das ist was sehr, sehr Positives und kann einen auch weiterbringen. Meine Kritik da dran ist halt: Ich finde, dass der Mensch dann halt immer nur so als rationales, leistungsbezogenes Wesen-. Alle Ökonomen haben natürlich Homo oeconomicus schon mal gehört, ja? Und ich stelle dem gegenüber, dass der Mensch halt mehr ist als das, was er in der Ökonomie zu leisten vermag. Und ich kann da ein schönes Beispiel sagen, mal gehört, der Eckart von Hirschhausen, den kennt vielleicht der eine oder der andere, und der hat eben gesagt: „Aus einem Känguru wird auch nach fünf Jahren Psychotherapie, Life-Coaching oder Supervision eben kein schnelltauchendes Krokodil“, ja? Also, wir haben einfach gewisse Dinge und dann kann ich noch so oft mich coachen lassen: Ich spreche einfach schnell und das weiß ich. Ich kann da drauf achten, aber ich muss es vielleicht auch nicht. Und da ein bisschen diesen Druck eben rauszunehmen, und der Gedanke, es kommt auf das Element drauf an: Ein Känguru ist halt in der Wüste schnell und ein Krokodil im Wasser. Also, mal zu gucken: Wo ist denn mein Element, wo ich, oder mein Platz, wo ich auch zu meinen Talenten komme? Also es geht nicht nur darum, in irgendeinem System das Beste draus zu machen, sondern die Frage zu stellen wo ist das passende System, das passende Umfeld für mich. Passen meine Aufgaben zu mir, meine Tätigkeiten? Kann ich vielleicht ganz, andere Dinge und muss noch mal neu und kreativ denken, um da auch dann meine Fähigkeiten einfließen zu lassen? Zum Beispiel kann ich zwar in einen Chor gehen, aber ich kann ja nicht singen. Da kann ich auch ewig Coaching machen, aber das wird nichts werden. Also darf ich da halt nicht hin, sondern muss vielleicht eine andere Gruppe suchen, wo meine Fähigkeiten gefragt und zur Geltung kommen können.


DN: Ich habe da auch ein gutes, ein anderes Beispiel dazu. Und zwar habe ich da selber mal an der Uni ein Referat drüber gehalten, und zwar über die Igeltaktik. Genau. Und zwar der Igel, der kann sich ja einrollen, ja, und dann ist er natürlich stachelig. Und dann ist er geschützt vor Wölfen, vor Füchsen, wie auch immer. So, und jetzt kommt der Fuchs oder, ich weiß nicht, ob der Fuchs der größte Feind ist, aber ist ja Wurst. Der Fuchs kommt von vorne und der Igel rollt sich ein, und dann kann der Fuchs ihn nicht fressen. Da denkt sich der Fuchs: Ich bin ja nicht blöd. Wenn es von vorne nicht geht, komme ich von der Seite. Kommt er von der Seite, der Igel rollt sich ein, ist geschützt, kann er ihn nicht fressen. Der Fuchs denkt sich: Na, okay, wenn es von vorne und von der Seite nicht geht, probiere ich es halt von oben, oder von hinten, irgendwas. Und der Igel rollt sich einfach immer ein und ist immer geschützt. Und das ist die Igeltaktik, das heißt: Egal, was der Fuchs macht, der Igel macht immer eine Igeltaktik, und damit ist er geschützt. Und das ist quasi das, was er richtig, richtig gut kann. Da ist er der beste drin. Und das macht keinen Sinn, wenn der Igel jetzt denken würde: Na ja, ich versuche mal, den Fuchs zu beißen, und, ja, hat er keine Chance, sondern: Was kann ich richtig gut? Und das dann auch einzusetzen und eben nicht, wie du sagst, als Känguru versuchen, genau, Krokodil zu werden.


DG: Ja, sehr gut, sehr gut.


DN: Kommen wir mal zu dir und deiner Arbeit. Die Arbeit in der Jugend hat dich bestimmt auch selbstbewusster gemacht. Gab es da irgendwelche Schlüsselmomente?


DG: Da habe ich lange drüber nachgedacht. Tatsächlich gibt es nicht den Moment. Ich war, man glaubt es vielleicht nach heutigem Stand gar nicht mehr, immer etwas schüchtern. Ich hatte mal gerne ein Mädchen, das fand ich ganz nett. Ich habe mich nie getraut, die anzusprechen. Und einmal wollte ich sie ansprechen, und dann bin ich gegen eine Laterne gelaufen, als sie auf der anderen Straße war. Ja, das ist wie in so einem Film, ja. Wir sind dann tatsächlich auch nie zusammengekommen. Na ja, was willst du machen? Für mich war irgendwann so ein Punkt, ich habe irgendwann mal so einen Flyer in der Hand gehabt, da stand drauf, dass es in der Welt so und so viel Menschen gibt, die in Armut leben. Und da habe ich gedacht: Gut, ich muss das jetzt irgendwie-. Also ich will wissen, warum das so ist. Und dann bin ich damals zu einem Kollegen gegangen und habe mich mit ihm getroffen. Und der hat mich dann bestärkt. Der hat auch mir Materialien mitgegeben, Texte, so um mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Und der hat quasi zu mir gesagt: „Hey, pass auf, ich glaube daran, dass du das auch schaffst“, ja? Also, das war wie so ein Mentor für mich. Und der hat mir immer wieder auch Aufgaben zugetragen. Der hat gesagt: „Jetzt, pass auf, schau mal her, jetzt hast du das gelesen oder umgesetzt, magst du es nicht mal vielleicht im Konvent irgendwo mal als Thema machen?“ Und dann machst du es auf dem Landesjugendkonvent, also wo alle Ehrenamtlichen aus ganz Bayern kommen. Und das war eben das Zentrale, dass da jemand an dich glaubt, mir das auch zutraut, der mich unterstützt, der mir Mut zuspricht und, und jetzt kommen wir zum springenden Punkt, der dich auch herausfordert. Ein guter Mentor fordert dich heraus. Und der weiß auch, dass du das eine oder andere Mal scheiterst. Der hält das dann aber auch mit aus und sagt: Okay, gut, war jetzt so, hast du vielleicht daraus gelernt. Also es war kein gerader Weg. Sehr prägend war für mich ein Vortrag, nämlich die Bonhoeffer-Gedenktage in Flossenbürg im Konzentrationslager vor vier Jahren. Und da hatte ich was zum Thema Hannah Arendt und wie das Böse in die Welt kommt, machen sollen. Und du stehst dann an so einem Ort des Schreckens, was den Menschen sozusagen-, ja, das Schlimmste, was sie hervorbringen und sollst dann erzählen, wie das Böse in die Welt kommt. Und das ist mir eigentlich dann erst bewusst geworden, als ich da stand. Und ich habe das dann gemacht. Und danach kamen dann ganz, ganz viele Menschen zu mir und haben gesagt: Ach David, das war ein bewegender Vortrag, der hat uns was gebracht, auch um damit klarzukommen, im Sinne von, dass man verstehen kann. Danach hat es so einen positiven Flow gegeben. Und das war für mich so ein tiefes Erlebnis irgendwo, ja, auch der Gegenwart Gottes, dass ich weiß, er stellt mich jetzt an diesen Ort. In dem Moment und gibt mir diese Aufgabe. Und er weiß, dass ich der auch gewachsen bin. Ich selber hätte immer gedacht: Also, nein, ich stehe jetzt hier in einem KZ und soll was zum Thema: Wie kommt das Böse in die Welt? erzählen.


DN: Oder, ja, auch vor Leuten zu sprechen, die das erlebt haben, und du kommst da von weit weg und-.


DG: Genau, und ich war nicht mal in der Generation aufgewachsen. Und wir waren abends jedes Mal zusammengesessen und es waren ganz, ganz tolle Gespräche. Und das war für mich sowas zum Thema Selbstbewusstsein eben, wo ich es ganz praktisch erfahren habe, auch dass die anderen-.


DN: Cool. Ja, du bist einerseits für die Jugend da, aber dann auch für Asyl- und Flüchtlingsarbeit und natürlich auch für die allgemeine Kirchenarbeit. Ist es nicht ein großer Zwiespalt für dich, also alles fordert irgendwo eine andere Art der Kommunikation? Wie bleibst du dabei du selbst, also wie folgst du da deiner Linie?


DG: Ja, also die Kommunikation ist eine andere und ich habe doch gemerkt, dass die Grundthemen, egal welches Land, welche Kultur, einfach die gleichen sind. Also, die Wünsche sind die gleichen. Alle wollen sie in Frieden leben, in Sicherheit. Liebe und Geborgenheit in ihren Familien, also ob es Deutsche, Muslime, ob Christen, ob Türken, ob Syrer, egal. Und die haben die gleichen Probleme, mit ihrer Frau oder ihrem Mann, mit den Partner*innen, finanzielle Herausforderungen, Stress auf der Arbeit, in der Schule. Auch die Frage: Wo ist mein Platz in der Welt? Was kann ich gut? Also die Fragen sind tatsächlich und wirklich die gleichen. Und ich erlebe viel Leid, Erfahrungen der Erlebnisse von Flucht und Vertreibung, dass nicht alles rosig und gut im Leben ist…

Mir wird dann bewusst: Der christliche Gott ist kein Spiritual Leader für irgendein besseres Leben. Kein Gott, der einfach klick macht und dann läuft mein Leben und auch innerweltlich wird alles super, sondern für mich ist Jesus mein Life-Coach. Das fand ich irgendwo so einen Gedanken der. Und zwar hat der Theologe Tomáš Halík mal gesagt: Mein Gott ist der verwundete Gott. Der verwundete Gott, wo der Thomas, der Jünger, zu ihm sagt: Hey, ich glaube nicht, dass du Jesus bist. Und er sagt zu ihm: Komm, ich zeige dir meine Wunden, reich deine Finger und berühre meine Wunden. Und Thomas erkennt ihn in den Wunden, im Schmerz und im Leid. Und danach geht eben Thomas missionieren. Das heißt, er lässt sich von diesen Wunden ansprechen, und das finde ich einen sehr, sehr interessanten Gedanken: Berühre meine Wunden, also, das Thema Asylarbeit, eben auch zu sagen, bestimmte Situationen einfach auszuhalten und zu den Wunden der Welt gehen. Das ist an der Linie, die ich folge, nämlich in den Wunden der Welt findet sich für mich Christus. Und die Botschaft, dass Gott aber in diesen Wunden der Welt auch die Macht der Verwandlung hat, nämlich durch die Liebe, da macht sich Gott für mich lebendig und da wird er für mich offenbar. Und das ist eine Gotteserfahrung, die ich versuche ich vorzuleben, in der Jugendarbeit, in all den Dingen, also zu sagen: Hey, es gibt mehr als Selbstverwirklichung, mehr als Selbstoptimierung, sondern es gibt auch den Nächsten. Und auch dafür sollen wir unseren Blick haben. Und auch Gott ist mehr als ein persönlicher Wunscherfüller, als ein Gebetsautomat. Das ist einfach eine schöne Vorstellung, aber so funktioniert es halt nicht. Und gerade wir als Christen sollen auch eben den Anderen im Blick haben.


DN: Ja, die Jünger von Jesus waren sehr mutig, dass sie die Geschichte von Jesus letztlich weitererzählt haben und mussten da bestimmt auch sehr selbstwürdig-, und mussten da bestimmt auch sehr selbstbewusst und glaubwürdig auftragen. Das Bier-. Also nochmal: Ja, die Jünger waren ja sehr mutig, dass sie Jesus Geschichte auch weitererzählt haben und mussten da bestimmt sehr selbstbewusst und glaubwürdig auftreten. Was glaubst du, wie sie das damals gemacht haben und woraus sie da die Kraft auch geschöpft haben?


DG: Die Jünger waren ja ganz normale Leute: Fischer, Winzer-. Also ich habe nochmal nachgelesen: Die meisten waren wirklich Fischer. Anscheinend war das so ein Trendberuf damals wie BWLer heute.


DG: Ja. Ich wollte gerade sagen, deswegen dürfen wir das vielleicht sagen. Und es waren ganz normale Leute. Und wenn man dann schaut: Jesus hat ja Petrus zum Beispiel zum Fels gemacht. Und Petrus war derjenige, der ihn verleugnet hat, dreimal: Kenne ich nicht, kenne ich nicht, kenne ich nicht, und dann kräht der Hahn und Feierabend war es. Und trotzdem sagt er, auf den, der ihn eigentlich verraten hat: „Auf dich baue ich meine Kirche“. Und macht dann aus dem ersten Missionar oder den ersten Papst dann letzten Endes auch. Oder wir haben gerade von Thomas gehört, ja, der gezweifelt hat, der erst die Wunden sehen musste, ja? Und das finde ich, ist was ganz Tolles, dass die Jünger und die Nachfolger, die Apostel ganz normale Menschen waren, die sich vom Heiligen Geist, von der Lebendigkeit von Gott haben anstecken lassen und die diesen Jesus so erlebt haben, dass sie diese lebensverändernde Kraft, die Jesus gezeigt hat und die sie gespürt haben, dass sie sich von der anstecken, begeistern haben lassen und das dann zu ihrer eigenen Passion oder zu ihrer eigenen Leidenschaft gemacht haben. Und ich finde, man muss eben nicht erst perfekt werden, um Christ zu sein. Nein. Sondern: Wenn du an Jesus glaubst, dann macht er dich perfekt, dann glaubt auch er an dich. Er nimmt dich so an, wie du bist, mit all dem Scheitern. Und ich glaube, genau das ist, was das Evangelium so lebendig macht, dass eben nicht du erst was leisten musst, dass du nicht perfekt sein musst, sondern dass Jesus jeden Einzelnen mit seinen Talenten eben braucht. Und Gebet, Gemeinschaft, und das Wissen, dass Jesus wirklich gelebt hat und auferstanden ist, das hat die Jünger, denke ich, getragen bis in den Tod hinein. Ich habe zum Schluss ein schönes Lied, oder einen Liedtext, der das schön ausdrückt. Das ist von Samuel Harfst, Privileg. Und da schreibt er im Text: Auch wenn du nicht mehr glaubst, Erwartungen zurückschraubst und sagst: an Gott glaube ich nicht, sag ich dir: Gott glaubt an dich. Macht dein Leben keinen Sinn, gibt er deinem Leben Sinn. Macht dein Leben keinen Sinn, dann leg ihm dein Leben hin.

Und ich finde, das ist was ganz Bewegendes. Das hat die Jünger damals bewegt und das bewegt Hunderte und Tausende von Menschen heute noch.


DN: Ja, hört Euch das Lied nach dem Podcast einfach nochmal an. Dann vielen Dank fürs Zuhören. Wenn Ihr selber Themen habt, wo Ihr sagt, das wäre cool, wenn wir mal drüber sprechen würden, dann schickt uns die einfach zu. Die E-Mail-Adresse ist in der Podcastbeschreibung. Und dann wünschen wir Euch noch einen schönen Tag! Bis dann, Tschüss!


DG: Bis bald, ciao!


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